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Spaces in Between | Bernadette Jiyong Frank (Transcript)

Galerie Beate Berndt
Opening speech by Dr. Stefan Hartmann, Augsburg University
September 15, 20215



Liebe Frau Berndt, liebe Frau Jiyong Frank, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich freue mich wirklich sehr, die kleine Einführung zur Ausstellung dieser spannenden Werke halten zu dürfen.

„Spaces in Between“, also Räume im Dazwischen oder vielleicht auch Zwischenräume, lautet der Titel dieser Ausstellung und der Werkreihe, die hier gezeigt wird. Bei der ersten Betrachtung ist Ihnen sicher aufgefallen, wie passend der Titel ist: Hier wird mit Mitteln der Malerei Raum, Tiefenraum suggeriert.

Es entsteht ein Bildraum, allerdings nicht durch perspektivische Konstruktion, sondern durch semitransparente, überlappende geometrische Formen. Unwillkürlich möchte man von Strahlen bzw. Strahlenbündeln sprechen. Helle, weiße Strahlen, die sich vor einem meist dunklen Hintergrund abheben.

Eine Arbeit jedoch überrascht durch seine beinahe monochrom weiße Bildfläche. Hier wird die Möglichkeit der Suggestion von Tiefenraum bei gleichzeitiger weitgehender Reduktion auf die Nicht-Farbe Weiß souverän vorgeführt. Das Ergebnis dieser Farbaskese mutet geradezu meditativ an. Zwei farbige, vertikale Streifen am Bildrand setzen jedoch einen starken Gegenakzent. Sie bilden eine deutliche Begrenzung von Bildfläche und Bildraum, verhindern ein optisches Aufgehen in der weißen Wand und lassen zugleich die aufge- spannte Leinwand in ihrer Tiefe und Plastizität deutlich vor der Wand hervortreten.

Sicher ist Ihnen schon aufgefallen, dass die Werke in der Regel eine hochgradig glänzende Oberfläche aufweisen. Dies ist kein Zufall, vielmehr wird dadurch ein zentraler Aspekt der Werkgruppe, die Tiefenwirkung, verstärkt. Zugleich werden – je nach Tonalität, Umgebungssituation, Beleuchtung und Betrachterperspektive – der umgebende Raum und der Betrachter ins Bild geholt, werden Teil der „Spaces in Between“. Die Arbeiten verlangen also nach räumlicher Erfahrung durch den Betrachter, um auf diese Weise die Erfahrung des Bildraums möglich zu machen.

Wie aber entstanden die Werke, die uns umgeben? Kurz gesagt: langsam, sehr langsam. Zunächst wurde die Leinwand mit einer weißen Grundierung versehen – ein Vorgehen, das tief in der europäischen Kunstgeschichte verwurzelt ist. Dann wurde graue Acrylfarbe in mehreren Schichten aufgetragen. Anschließend folgten viele weitere Schichten aus Ölfarbe, um dem Hintergrund seine ganze Tiefe und Brillanz zu verleihen. Auch die weiteren Malschichten wurden mit Ölfarben realisiert, wobei diese teilweise stark verdünnte wurde, um den semitransparenten Effekt zu erzielen. Bei mehreren Dutzend Farbschichten ist dies ist ein zeitraubendes Verfahren, da jeweils nur eine Schicht pro Tag gemalt werden kann. Jeder Farbauftrag erfolgte mit geradezu technischer Präzision – einen expressiven Pinselduktus wird man hier vergeblich suchen, geht es doch nicht um die Oberfläche, sondern um die Tiefe. Übrigens ist ein Werk aufgrund dieses langsamen, präzisen Malprozesses erst kurz vor der Ausstellungseröffnung fertig geworden – das vorhin erwähnte, weitgehend weiße Gemälde.

„Ma“ – auf diesen japanischen Begriff verweist die Künstlerin selbst als Schlüssel zum Verständnis von „Spaces in Between“. „Ma“ meint den räumlichen oder zeitlichen Abstand zwischen Dingen oder Ereignissen. Je nach Zusammenhang gibt es also eine ganze Reihe von Übersetzungsmöglichkeiten: Abstand, Zwischenraum, Lücke usw. Der Raum zwischen zwei Wänden beispielsweise wird ebenso mit „ma“ bezeichnet wie der Abstand zwischen zwei Noten bzw. Tönen in einem Musikstück. „Ma“ kann sich aber auch auf das Gefühl für das richtige Timing beziehen, zum Beispiel bei einer Performance. Der Begriff kann zudem die räumliche und/oder soziale Beziehung von Menschen meinen – also etwa die momentane Beziehung von uns, als Teilnehmer dieser Ausstellungseröffnung. In diesem Sinne kann „ma“ sogar die Atmosphäre charakterisieren, spricht man vom guten oder schlechten „ma“. Insgesamt ist es also ein faszinierender Begriff, der sowohl für objektive, messbare räumliche und zeitliche Verhältnisse verwendet wird als auch für die subjektive Wahrnehmung menschlicher Interaktionen und Beziehungen.

„Ma“ ist auch ein wichtiges Element des Nō-Theaters, als Moment der Nicht-Handlung, in dem die Spannung durch die Darsteller aber gehalten wird. Gerade in solchen Momenten zeigt sich die innere Stärke der Darsteller. Sicher wird man auch an die japanische Tuschekunst denken, an sparsam angedeutete Felsspitzen und Bäume, die wirken, also würden sie zwischen Nebelschwaden aufscheinen – obwohl der Zwischenraum häufig ‚einfach‘ leer gelassen wurde. Insgesamt kann „ma“ als zentrales ästhetisches Paradigma der japanischen Kultur bezeichnet werden, das wohl religiöse Ursprünge hat. Ich denke, der Bezug der Werke zum Begriff „ma“ ist evident, ergibt sich durch die semitransparenten Schichten doch ein gestaffelter Bildraum, der viel „ma“ aufweist. Darüber hinaus kann sich „ma“ aber auch auf den Werkprozess beziehen, der sich – aufgrund der Trocknungsintervalle – ja durch eine geradezu meditative Langsamkeit auszeichnet.

Daneben erinnern die geometrisch-strengen Formationen aber auch an computer-generierte Grafiken, die auf Algorithmen basieren. Rechenoperationen und Zahlen-reihen, deren Ergebnisse hochgradig ästhetisch wirken können, und die bei der visuellen Umsetzung meist einen infiniten Raum durchdringen.

Freilich weisen die Werke zudem dezidierte Bezüge zur westlichen Kunstgeschichte auf. Die präzisen, durchscheinenden, strahlenartigen geometrischen Formen, mit denen hier Raum suggeriert wird, lassen unwillkürlich an Lyonel Feininger denken. Zwar waren seine Werke gegenständlich, doch löste er die Objekte in strahlenartige, mitunter geradezu kristallin anmutende Formationen auf. Er selbst erfand für seine Kunst den Begriff „Prismaismus“. Auf diese Weise erzielte er eine räumliche Wirkung; zugleich führen die semitransparenten, geometrischen Formen zu einer hochgradig dynamischen, geradezu rhythmischen kompositorischen Gliederung der Bildfläche. Daneben sei ein weiterer Bauhaus-Künstler erwähnt, der sich intensiv mit der zwei- und dreidimensionalen Darstellung von Licht und mit Räumlichkeit befasst hat:

Laszlo Moholy- Nagy – sei es mit skulpturalen Lichtobjekten, mit Fotogrammen oder im Medium der Malerei. Licht und Raum aber sind ja auch Schlüsselbegriffe für die Werke, die wir hier in der Ausstellung sehen. Ein weiterer Name muss noch genannt werden: Josef Albers. Dieser Künstler hat sich intensiv mit der räumlichen Wirkung von Farben beschäftigt – in Theorie und Praxis. Am bekanntesten sind sicher seine übereinandergelegten monochromen Quadrate, „Homage to the Square“, die eine große Tiefenwirkung entfalten. In seiner berühmten Publikation „Interaction of Color“ thematisierte er Fragen der Farbwahrnehmung und der Täuschungen, denen das Auge – oder besser: das Gehirn – dabei unterliegt; nicht zuletzt eben der Suggestion von Räumlichkeit durch die Kombination von Farben in einer bestimmten Abfolge und in festgelegten Konfigurationen.

Das Werk von Josef Albers ist ebenfalls tief in der Tradition des Bauhauses verwurzelt. Die Bauhaus-Künstler haben in Theorie und Praxis auch eine wichtige Grundlage gelegt für die Op Art der 1960er Jahre. Die Kunst der Augentäuschung, das Spiel mit dem Betrachter mittels Farbe, Geometrie und seiner Bewegung im Raum.

„Spaces in Between“ kann also auch auf den kunst- und kulturhistorischen Kontext der Werke bezogen werden - zwischen Ost und West, zwischen japanischer Kultur und Ästhetik und klassischer Moderne, zwischen Tradition und Innovation. Die ist sicher kein Zufall. Biographische Aspekte werden bei der Interpretation von Kunstwerken zwar häufig überbewertet. Vor dem Hintergrund des eben gesagten scheint ein Blick auf die Biographie der Künstlerin jedoch erhellend:

Bernadette Jiyong Frank entstammt einer koreanischen Familie, wurde aber in Tokyo geboren. Im Alter von 13 Jahren zog sie in den Raum San Francisco. Nach ihrem Highschool-Abschluss studierte sie am Otis Art Institute der Parson School of Design sowie am Art Center College of Design in Pasadena. Einige Jahre lebte sie auch in Deutschland. Die Künstlerin hat also schon zahlreiche „Spaces in Between“ erlebt. Anders formuliert: sie ist global verankert und schöpft aus diesem Wissens- und Erfahrungshorizont.

Erwähnt sei noch, dass ihr Werk in den USA bereits im Rahmen zahlreicher Ausstellungen gezeigt wurde, unter anderem im Florida State Museum of Fine Arts [Tallahassee] und in der Southern Exposure Gallery in San Francisco, einer renommierten Institution, die gezielt erfolgversprechende junge Talente fördert. Das Crocker Art Museum in Sacramento hat ein Werk für seine Sammlung erworben.

Ich hoffe, diese kleine Einführung hat Ihnen geholfen, sich nun selbst auf Entdeckungsreise in die Spaces in Between zu begeben.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Stefan Hartmann