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Ihre Malerei speichert das Licht

Augsburger Allgemeine
By Alois Knoller
September 17, 2015

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Damit hätte man nicht gerechnet: Eine in Japan geborene Koreanerin, die in San Francisco in Kalifornien lebt, spricht hervorragend Deutsch. Bernadette Jiyong Frank hat nämlich auch schon acht Jahre in Augsburg verbracht, weil sie mit Götz Frank ihr eheliches Glück gefunden hat. Künstlerisch tätig war sie in dieser Zeit allerdings nicht und so ist ihre Ausstellung in der Galerie Beate Berndt am Fischertor ihre Premiere als Malerin. Ihre Deutschland- und Europa-Premiere wohlgemerkt.

Ihre Arbeitsweise ist durch und durch fernöstlich geprägt. Denn die Künstlerin lässt sich von der japanischen Lehre vom „Ma“ leiten. Das ist die bedeutsame Leere des Raumes zwischen Gegenständen oder Begebenheiten. „Wenn man sich in Japan voreinander verbeugt, kommt man nicht sofort wieder hoch, sondern bleibt erst noch ein Stück weit unten. Diese Pause hat große Bedeutung“, erklärt Bernadette Jiyong Frank. „Ma“ ist überall präsent.

Die Pause wendet sie auch in ihrem Malprozess an. „Spaces in between“ (Zwischenräume) nennt sie diese Werkgruppe. Schicht um Schicht trägt sie ihren ölig-harzigen Farblack auf – bis zu 60-fach auf einem Bild. Jedes Mal muss Bernadette Jiyong warten, bis die Farbe getrocknet ist, also mindestens einen Tag lang. So vergehen vier, fünf und sogar sechs Monate, bis das Bild fertig ist („Ich male meist gleichzeitig an acht Bildern“).

Die Malerin erhält mit dieser Technik eine schimmernde Oberfläche und beachtliche Tiefenwirkung. Jede Malschicht bricht das auftreffende Licht wie durch aufeinandergelegte Glasscheiben, die Farben verändern sich fast unmerklich in einem ganz sanften Übergang. Gespeichert ist darin sowohl die subtile Erfahrung von Licht als auch ein virtueller Raum zwischen den einzelnen aufgetragenen Schichten. Die Art zu malen habe etwas sehr meditatives, meint die Künstlerin.

Auf meist dunkle Hintergründe malt Jiyong als zweites Element helle Lichtspektren, die sich aus einer Mitte perspektivisch auffächern wie bei einem Laserstrahl. Diese fein gestuften Spektren verleihen ihren Bildern energiegeladene Dynamik. „Meine Inspiration kommt aus der Beobachtung, wenn das Sonnenlicht ein Muster an die Wand wirft“, sagt die Künstlerin. „Das ist für mich eine magische Erscheinung.“

Das Konzept „Light & Space“ des amerikanischen Künstlers James Turrell habe sie beeindruckt. Während er jedoch mit Raum-Licht-Installationen experimentiert hat, erkundet Jiyong das Konzept mit Mitteln der Malerei. Das Handwerk hat sie von Grund auf studiert. Schon als Kind habe sie viel von ihrem Onkel gelernt, der in seiner Kunst fotorealistisch zeichnete. „Seine Disziplin steckt auch in meinem Arbeitsprozess“, sagt sie. Jiyong beherrscht das figürliche Metier ebenso wie die Abstraktion. Sie hat Aktmalerei betrieben und Illustration geschaffen.

Sie studierte am Otis College of Art and Design in Los Angeles. Inzwischen hatte sie zahlreiche Ausstellungen vor allem in Kalifornien, aber auch die Staatsgalerie von Florida erwarb Werke von ihr. In die Galerie Berndt nach Augsburg gelangte sie jetzt auf Empfehlung des Bildhauers Josef Zankl. Er machte die Galeristin auf Jiyong aufmerksam, die in San Francisco von der renommierten Dolby Chadwick Gallery vertreten wird.

Ihr Start in den USA war nicht einfach. Mit 13 hatte ihre Mutter sie der besseren Bildungschancen wegen von Tokyo zu ihrer Tante nach San Francisco geschickt. „Für mich war es damals sehr schwierig, meine japanischen Freundinnen zurückzulassen und meine Sprache.“ Lange habe sie auf Japanisch noch Bücher gelesen und Briefe geschrieben. Sie fühle sich auch noch immer als Jiyong – trotz ihres katholischen Vornamens und des deutschen Ehemannes. So signiert sie auch ihre Werke.

Als reiselustiger Mensch lernte sie den Augsburger Architekten Götz Frank auf einem Segeltörn im Südpazifik kennen. Mit ihm ging sie acht Jahre nach Deutschland, hier ließ sie allerdings die Kunst ruhen, „denn ich war nicht überzeugt, dass ich mit der Kunst leben könnte“. Als das Paar 2002 wieder nach Kalifornien umsiedelte, erstarkte aufs neue ihre Leidenschaft für die Malerei. Erfahrungen mit dem Meer vertieften ihr Interesse am „Ma“-Konzept. „Das Erlebnis unter Wasser gab mir eine Vorstellung vom Fließen in einem zeitlosen Raum.“ Das ereignislose Leben an Bord vermittelte ihr zudem, dass sich Minuten wie Stunden anfühlen können.